Erik Leon

 

geboren 14.11.2008 um 11Uhr52

gestorben am 14.11.2008 um 13Uhr30

 

Gewicht 1460 gramm

Größe 41 cm

Kopfumfang 27 cm

 

Am 13.11. waren Glenn und ich nochmal in der MHH zum Ultraschall und um das weitere Vorgehen zu besprechen. Wir sind ziemlich schnell dran gekommen, wieder rein in den Miniraum, rauf auf die Liege und warten. Die Ärztin schmiss als erstes eine leere DVD in den DVD-Rekorder, fing an zu schallen. Ein kleiner Stein purzelte mir vom Herzen als ich das Herzchen von unserem Erik ganz kräftig pochen sah. Kurz darauf musste die Ärztin nochmal raus, kam dann 10 Minuten später erst wieder und schallte weiter. Wortlos, die ganze Zeit. Ich sah, dass das Fruchtwasser weiterhin nicht da war. Während der Wartezeit hatte unser Krümel noch einmal ganz ganz stark von innen getreten – das letzte richtig starke Treten, dass ich von ihm spüren sollte. Im Nachhinein glaube ich, er hat uns damit wieder ein Zeichen gegeben, er hat sich verabschiedet. Glenn hatte ihn vorher nie so stark treten sehen...Die Ärztin schallte weiter, fing an, zu messen, machte bestimmt 10 Minuten lang einen Doppler, weiterhin wortlos. Irgendwann war es zu Ende, ich machte mich sauber, zog mich wieder ordentlich an.

Dann kam der Schock. Die Dopplerwerte waren schlecht, ganz schlecht. Der Kurze wurde nicht mehr richtig versorgt, sein Wachstumsrückstand hat noch weiter zugenommen. Er wird in den nächsten Tagen in meinem Bauch sterben, sagte sie. Bei einem Kind OHNE Potter würde sie sofort zum Kaiserschnitt raten. Uns rät sie, das Sterben im Bauch abzuwarten und ihn dann auf natürlichem Weg tot zu gebären, wobei sie nicht sicher war, ob eine spontane Geburt überhaupt möglich ist wegen der Lage. Unser Erik lag wieder in Querlage und machte keine Anstalten, sich noch einmal zu drehen. Während der Schwangerschaft hatte er es jedoch geschafft, sich in die Geburtslage und wieder zurück in die Querlage zu drehen - unglaublich ohne Fruchtwasser!

Glenn und ich sahen uns an. DAS wollen wir beide nicht. Erik hat uns das Zeichen gegeben, dass er nicht mehr kann. 2 Tage vorher waren die Werte noch ok gewesen. Er hatte die ganze Zeit gekämpft...und nun sollten wir dastehen, wissen, dass er in den nächsten Tagen sterben wird und darauf warten?? Ohne überhaupt eine Chance, ihm zu helfen? Das Körnchen Hoffnung war ja immer noch da, wenn auch sehr sehr klein.

Wir baten darum, die Kinderärztin sprechen und die Frühchen-Intensivstation anschauen zu dürfen, dies wurde uns sofort gewährt. Oben auf der Frühchen-Intensiv mussten wir eine ganze Weile warten und sprachen nochmal über das, was uns jetzt bevorsteht. Wir entschieden uns beide schon in den Minuten, alles zu versuchen, einen Kaiserschnitt machen zu lassen. Auf der Frühchen-Intensivstation war ich zwar schon geschockt, WIE winzig diese Babys waren, diese ganzen Kabel, Schläuche, Monitore...aber es gab mir wiederum Kraft, dass eben alles versucht wird um Babys zu retten, die früher gestorben wären und dass diese oft ohne weitere Schäden leben. Die Kinderärztin nahm sich viel Zeit, erklärte uns alles, sprach nochmal über das weitere Prozedere und unterstütze uns in dem Wunsch, den Kaiserschnitt zu machen und eben alles fürs Baby zu tun. Wir vereinbarten aber auch, dass er nicht weiter gequält werden sollte, wenn absehbar ist, dass es nicht geht.

Wir gingen zurück zu der Ärztin und verkündeten unsere Entscheidung. Sie war dagegen! Mit allen Mitteln versuchte sie, uns den Kaiserschnitt auszureden. Was für Risiken das doch wären. Dass das Kind eh keine Chance hätte. Ich weiß nicht, was sie noch alles gesagt hat. Sie hat dann Rücksprache mit dem Professor, der die Station leitet, gehalten und gab dann widerwillig das OK für den Kaiserschnitt.

Ab da ging alles ganz schnell. Runter in den Kreißsaal, CTG schreiben, war ok. Wäre es schlecht gewesen, hätte man sofort eine Notsectio gemacht. So wurde der Termin für die Entbindung auf den nächsten Morgen, eben den 14.11., um 8 Uhr angesetzt.

Ein Zugang wurde gleich gelegt, Blut gezogen, Lungenreifespritze gegeben, Einwilligungen unterschrieben. Neben mir beim CTG eine schwarze Frau, die nur englisch sprach und am selben Tag ein gesundes, kaffeebraunes, Neugeborenes bekam, dessen weißer Vater enttäuscht war, kein ganz schwarzes Kind zu haben. Unverständlich für mich in dem Moment.

Dann gings auf Station, Einzelzimmer, riesengroß, da eigentlich auf 3 Patienten ausgelegt. Ich fühlte mich total verloren. Glenn musste zurück um Gina abzuholen. Eine lange Nacht lag vor mir, allein und doch nicht allein, denn mein Baby war noch bei mir, in mir, die letzte Nacht seines Lebens.

Ich streichelte die ganze Zeit seinen Bauch, redete mit ihm. Schrieb mir in einem Brief alle Gedanken, meine Ängste und Hoffnungen an ihn von der Seele. Ich ließ ihn in dem Moment schon los. Ich sagte ihm, dass wir ihn unendlich lieb haben und immer lieb haben werden, egal, was der nächste Tag für uns alle bringen wird. Er soll selber die Entscheidung treffen, für ein Leben mit uns oder für ein Leben bei den Engeln...Alle Liebe der Welt habe ich versucht, ihn in diesen Momenten fühlen zu lassen. Um 8 kamen noch 2 Freundinnen um mich zu besuchen und mir eine Stunde beizustehen bis das nächste CTG geschrieben würde. Um 9 war dann das CTG, wieder top in Ordnung.

Die Nacht war dann erträglich, ich hatte mir was zum schlafen geben lassen, sonst wäre gar nichts gegangen.

Am nächsten Morgen teilte man mir dann mit, dass die Sectio doch erst um 11 stattfinden sollte, da dann alle Ärzte anwesend wären und die optimalste Versorgung unseres Babys gewährleistet wäre.

Die ganzen Vorbereitungen wie OP-Hemd anziehen, rasieren, Thrombosestrümpfe wurden auch erledigt. Ich hab dann im Radio das Lied „Allein, allein“ von Polarkreis 18 gehört. In dem Moment war die Erkenntis da: Er wird es nicht schaffen, ich wusste es insgeheim.

Dann gings los, Glenn war inzwischen auch da, Gina sollte dann gegen halb 2 mit meiner Freundin Jana kommen. Ein allerletztes CTG wurde geschrieben, es war das letzte Mal, dass ich seinen Herzschlag hörte. Der Kaiserschnitt an sich war dann ok, Glenn stand neben mir, hilet meine Hand...ich fühlte, wie an mir gezogen und geruckelt wurde und auf einmal – ein ganz leiser, krächzender Schrei! Erik Leon war geboren! Mir liefen die Tränen herunter. Einen Moment lang dachte ich, er schreit, es wird alles gut....Im Kreißsaal war Stille. Ich wurde zugenäht, immer wieder kam ein Arzt, berichtete, Ihr Baby lebt, wir nehmen Blut ab, wir versorgen ihn. Dann wurde Glenn dazu geholt. 10 endlose Minuten danach war ich endlich zugenäht und wurde in den nächsten Raum gebracht, ohne zu wissen, wie es um unser Baby steht. 2 Minuten später war es dann endgültig. Die Tür ging auf, Glenn kam mit einem Bündel rosa Handtuch auf dem Arm hinein, mit ihm das Ärzteteam. Und immer wieder höre ich seitdem den Satz, wir haben alles versucht, aber es geht einfach nicht...Wir kriegen keine Luft in die Lunge, die Lunge ist wie ein Stein. Die haben ihn intubiert, versucht, Luft hineinzupressen, während die Werte immer schlechter wurden. Sie zhaben ihm dann den Mund und das andere Nasenloch zugehalten und der Tubus flog durch den Druck wieder heraus! Schlussendlich haben sie ihm dann Morphin gespritzt und sind mit ihm zu mir gekommen, der Abschied war gekommen..

Ich weinte die ganze Zeit, Glenn übergab mir dieses winzige Bündel. Ich sah ihn das erste Mal an. Er war so süß! Die Augen geschlossen, überall ganz feine blonde Häärchen, ganz viele blonde Locken auf dem Kopf. Er sah so friedlich aus, so perfekt! Und wie der Papa, die gleichen Gesichtszüge, eine etwas eingedrückte Nase durch das fehlende Fruchtwasser. Nur die Öhrchen lagen sehr niedrig und waren etwas zerknautscht. Ich schlug das Bündel auf...es war ein winziger, kompletter kleiner Junge. Ohne Klumpfüße oder dergleichen. Wie ein gesundes Neugeborenes, nur viel kleiner. Die folgenden 1,5 Stunden sind kaum beschreibbar. Er lebte noch, sein Herzchen schlug, zwar langsam, aber es schlug. Zwischendrin machte er Bewegungen, er versuchte, zu atmen, ohne Erfolg. Ich war verzweifelt, dachte, diese Bewegungen, dieses Luftholen, er muss doch weiterleben!! Wir machten Fotos, wir hielten ihn abwechselnd, streichelten ihn immer wieder, küssten ihn. Und die Tränen liefen nur so herunter. Wir baten dann die Hebamme, ihn noch einmal zu waschen, zu vermessen. Um 13Uhr 30 horchte die Ärztin noch einmal und stellte fest, dass Erik Leon jetzt für immer eingeschlafen sei. Keine Herztöne mehr.

Kurz danach trafen dann meine Freundin Jana und Gina ein. Gina bekam Erik auf den Arm...Ihre erste Reaktion, oh Mama, so ein schönes Baby! Mama, warum sieht denn der Erik so alt aus?Ich heulte noch mehr. Wir haben es ihr dann erklärt, ich weiß nicht mehr, wie. Auch Jana nahm ihn auf den Arm, machte das einzige Foto von uns als Familie zu viert. Für Gina ist Erik erst gestorben nachdem sie auch da war. Wir brachten es nicht übers Herz ihr zu sagen, dass sie zu spät angekommen ist.
Eine Stunde später etwa übergab ich Erik der Hebamme endgültig. Ich werde ihn nie wiedersehen. In diesem Moment ist ein Stück von mir mitgestorben, mitgegangen.

Später im Zimmer fielen mir dann die Anziehsachen in die Hände und bekam einen erneuten Heulanfall. Gott sei Dank war es noch möglich, unserem Kleinen die Sachen anziehen und noch einmal Fotos von ihm machen zu lassen

Was bleibt sind diese Fotos, seine Hand- und Fußabdrücke, auf Papier und in einer Knetmasse. Und ganz ganz viele Erinnerungen, noch heute glaube ich manchmal zu spüren, wie mein Erik Leon mir wieder von innen in den Bauch tritt.

 

Wir vermissen ihn noch so sehr....

Der letzte Weg

Exakt 2 Wochen nach Eriks Geburt fand die Beerdigung statt, auf einem Friedhof ganz in der Nähe unserer Wohnung.

 

Es waren viele Freunde, Eriks Onkel und die Eltern von Glenn da, einige unserer Freunde hatten auch ihre Kinder dabei, so dass die Zeremonie sehr kindgerecht gehalten war. Die beiden Lieder, die wir während der Beerdigung abspielten, findet ihr unter "Musik".

 

Den Sarg hatten Gina und ihre Mama zusammen gestaltet, in vielen bunten Farben, den Deckel zierten ein Regenbogen, Herzen, Sterne und ein Mond. Die Stirnseten wurden mit großen Schmetterlingen verziert, die eine Längsseite mit vielen kleinen Schmetterlkingen und jeder von uns dreien hat seine Handabdrücke auf der anderen Sargseite platziert.

 

Wir hatten das große Glück ein Bestattungsunternehmen zu finden welches sehr sehr offen für die Gestaltung war und uns einen wunderschönen Abschied von unserem Kleinen ermöglichte. Jeder von uns legte noch ein Kuscheltier mit in den Sarg sowie Briefe an unseren Erik.

 

Von der Beerdigung selber haben wir wenig mitbekommen. Die Tränen flossen und zumindest ich als Mama war gar nicht richtig "da". Sein eigenes Kind zu Grabe tragen zu müssen ist etwas, was man sich kaum vorstellen kann und was kaum zu ertragen ist. Als Glenn und teilweise auch Gina den Sarg zu dem offenen Grab trugen, als der Sarg hinuntergelassen wurde...ich wäre am Liebsten hinterher gesprungen. Wir warfen noch Blumenblätter hinein, der Pastor segnete unser Baby noch einmal...und dann war es vorbei.

 

Wir sind oft auf dem Friedhof, haben sein Grab so gut es geht liebevoll bepflanzt und gestaltet. Der Grabstein ist noch nicht fertig, erst wenn der da ist können wir endgültig sagen, das Grab ist fertig. Gina redet auf dem Friedhof mit Erik, wirft ihm zum Abschied immer Küsschen zu...das ist so süß und tut gleichzeitig so unheimlich weh...